»Die Kartenmacher aus Gotha«
Dokumentarfilm von Otto Schuurman
und Joachim Jäger (2017) – 77 Minuten
Vorwort
(Aus meinen Grußworten zu den Filmpremieren in Gotha 2017 / Darmstadt 2018)
Es ist doch über alle Maßen erstaunlich: dass dieser Verlag in dramatischen Zeiten rund 230 Jahre alt werden konnte – begleitet und geführt von sieben Generationen derselben Familie.
Bewundernswert ist zugleich, wieviele Hunderte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Autoren, Herausgebern und Geschäftspartnern dem Haus und Verlag Justus Perthes teilweise über Jahrzehnte die Treue gehalten haben – in Gotha wie in Darmstadt, im VEB Hermann Haack Gotha wie in der Geographischen Verlagsanstalt Justus Perthes Darmstadt.
Deren Geschichte besteht nicht nur aus den Highlights: Almanach de Gotha, Stieler’s Hand-Atlas, Petermanns Geographische Mittheilungen, Berghaus’ Physikalischer Atlas, Sydow-Wagner, Haack Weltatlas, Großer Geographischer Wand-Atlas, Großräume in Vergangenheit und Gegenwart, Unsere Erde – eine Herausforderung, Wurzeln unserer Gegenwart …
Sie manifestiert sich in der Schulkartographie beider Verlagshäuser, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts Generationen von Schülerinnen und Schülern geprägt hat – und in den einschneidenden, oft schmerzhaften Veränderungen für alle, die von Krieg, Enteignung, Teilung und Wendezeit unmittelbar betroffen waren.
Diese Geschichte soll festgehalten werden. Die Zeitzeugen werden weniger.
Der Film „Die Kartenmacher aus Gotha“ versucht, diesen Prozess aus neutraler Sicht nachvollziehbar zu beleuchten.
Die folgenden Abschnitte sollen dabei Orientierung geben: was der Film zeigt – und was er, bei aller Dichte seiner 77 Minuten, nicht zeigen kann.
Stephan Justus Perthes
Darmstadt, September 2026
Entstehung des Films
Im Sommer 1990 besucht der niederländische Dokumentarfilmer Otto Schuurman nach der Grenzöffnung erstmals den VEB Hermann Haack in Gotha, dessen „Haack Weltatlas“ er schon lange besitzt. Ein erstes Gespräch mit Winfried Kleeberg, leitender Verlagsmitarbeiter, macht ihm klar: Diese Geschichte muss ein Film werden. Mit seinem Studenten Joachim Jäger kehrt er Wochen später mit einer Filmkamera zurück. Zwischen 1990 und 1992 entstehen rund 20 Rollen Material. Da kein TV-Sender Interesse zeigt, wird das Rohmaterial zunächst jahrelang sicher gelagert. Erst 2008, als Dr. Petra Weigel als wissenschaftliche Referentin der Sammlung Perthes (Forschungsbibliothek Gotha) auf die Aufnahmen stößt, und 2012 eine erste Vorführung von Auszügen des damaligen Rohmaterials im Spiegelsaal des Schlosses Friedenstein alle Beteiligten neu motiviert, wird das Projekt wieder aufgegriffen. In enger Zusammenarbeit mit der Forschungsbibliothek Gotha, dem Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig und Stephan Justus Perthes entsteht bis 2017 aus über 40 Stunden Rohmaterial der fertige Film – ermöglicht v.a. durch Förderung der Kulturstiftung der Länder und von Stephan Justus Perthes.
Zeitraum
Der Film umspannt im Kern die Jahre 1785 bis 2015 – mit dem Schwergewicht auf zwei Phasen: der Blütezeit der Perthes-Kartographie im 19. und frühen 20. Jahrhundert (Stieler’s Hand-Atlas 1816 ff., Petermanns Geographische Mittheilungen ab 1855) sowie der deutsch-deutschen Geschichte des Verlages von der Enteignung 1953 über die Wendezeit 1989–1992 bis zur Integration des gewaltigen Archivs als „Sammlung Perthes“ (2003) und letztlich zur Einrichtung des „Perthesforums“ im ehemaligen Gothaer Verlagsgebäude (2014/2015). Die Zeitzeugeninterviews stammen aus zwei Drehphasen: 1990–1992 (unmittelbar nach der Wende) und ca. 2014–2016 (Rückblick nach 25 Jahren).
Wichtigste Themen
Geschichte und Bedeutung des Verlages Justus Perthes Gotha (gegründet 1785) als weltführender Kartenverlag des 19. und 20. Jahrhunderts – Entstehung der modernen wissenschaftlichen Kartographie (Stieler’s Hand-Atlas, Berghaus’ Physikalischer Atlas, Petermanns Geographische Mittheilungen) und ihre Rolle im Zeitalter der Entdeckungen – Enteignung 1953 durch die DDR und Umwandlung in den VEB Hermann Haack Gotha – Die politische Dimension der Kartographie: Karten als Instrumente von Macht und Ideologie – Mauerfall 1989 und Wendezeit: Reprivatisierungskampf, Treuhandanstalt (Juli 1990 bis März 1992), Unsicherheiten und Hoffnungen der stark schrumpfenden Belegschaft – Übergabe des Gesamtarchivs an den Freistaat Thüringen 2003, und damit Start der „Sammlung Perthes“ – Entstehung des Perthesforums Gotha (fertiggestellt 2014/15) – Die Rolle von Stephan Justus Perthes als Protagonist und Nachfolger in siebter Generation.
Personen und Interviews im Film
Stephan Justus Perthes – Verleger, siebter Nachfahre des Gründers, Protagonist des Reprivatisierungskampfes • Winfried Kleeberg – leitender Mitarbeiter des VEB Hermann Haack, erster Gesprächspartner Schuurmans 1990 • Renate Kerkmann – Kartographin des VEB Hermann Haack; im Film mit dem programmatischen Satz von 1990: „Ich tilge die deutsch-deutsche Grenze – und es ist mir eine große Freude!“ • Dr. Petra Weigel – seit 2008 wissenschaftliche Referentin der Sammlung Perthes/Forschungsbibliothek Gotha; im Film als Zeitzeugin der Wiederentdeckung der Filmaufnahmen und als Moderatorin mehrerer Vorführungen • Dr. Heinz Peter Brogiato – Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig; erläutert im Film die Entstehung von Karten aus den Daten der Forschungsreisenden im 19. Jahrhundert • Weitere Mitarbeiter und Zeitzeugen des VEB Hermann Haack („Haackianer“) in Interviews aus den Jahren 1990–1992 und ca. 2015 • Historiker und Bibliothekare der Sammlung Perthes als zeitgenössische Kontextgeber.
Orte im Film
Gotha – das historische Verlagsgebäude in der Justus-Perthes-Straße 3–9; Drucksäle, Zeichensäle, Archivräume, Tresor mit historischen Karten; Perthesforum • Schloss Friedenstein / Forschungsbibliothek Gotha – Sitz der Sammlung Perthes und Ort mehrerer Filmvorführungen • Berlin – Treuhandanstalt: Ort der Vertragsunterzeichnung zur Reprivatisierung 1992 • Leipzig – Leibniz-Institut für Länderkunde (Brogiato-Interviews) • Darmstadt – Standort von Justus Perthes Geographische Verlagsanstalt Darmstadt (1953–1994); im Film nur am Rande gezeigt.
Was der Film nicht zeigen kann
Der Film fasst über 200 Jahre Verlagsgeschichte auf 77 Minuten zusammen. Aus mehr als 40 Stunden Rohmaterial mussten viele Aspekte entfallen oder können nur gestreift werden. Die folgenden Punkte geben dazu Orientierung:
Die Geschichte von Justus Perthes Darmstadt (1953–1994)
41 Jahre Verlagsgeschichte in Darmstadt werden im Film kaum gewürdigt: eigene Verlagsprogramme, das weltweit größte Schulwandkartenprogramm (ca. 160 Titel, 16 Sprachen), moderne Transparent-Atlanten (mit Patent), internationale Geschäftsverbindungen. Ebenso fehlen: der frühe Tod Wolf Jürgen Perthes’ 1964 (42-jährig), die Interimslösungen bei der Verlagsleitung (Georg Lencer, Werner Painke, Lotte Scharf, Gerhard Vaeth), der Aufbau des Verlages in Darmstadt sowie die ununterbrochene Geschäftsverbindung VEB Haack Gotha mit Justus Perthes Darmstadt von 1954 bis 1992 – in der Geschichte des geteilten Deutschlands möglicherweise eine einzigartige Ost-West-Verlagsverbindung.
Die Wendezeit: Wettbewerb, Kartellamt, Korruptionsgerüchte
Die aggressive Übernahme-Offensive des Verlages Westermann (Dr. Jürgen Richter, Braunschweig) in den ersten Monaten nach dem Mauerfall – BILD-Titelseite über ein „erstes deutsch-deutsches Joint Venture“, Gerüchte über Korruption und verschwundene Archivunterlagen, SWF-Filmaufnahmen vom Juni 1990 und SPIEGEL-Recherchen (unveröffentlicht), temporäres Hausverbot von Matthias Hofmann (VEB-Direktor) für Stephan J. Perthes – erscheinen im Film kaum. Jahrelange Beratung und nachhaltige Unterstützung durch Hans-Joachim Schnabl (StB/WP), Dipl.-Ing. (TU) Klaus Wiedenroth (Architekt). Ebenso fehlen das Bundeskartellamt-Verfahren (erster Fall der neuen Beschlussabteilung „DDR“) und der dramatische Abzug Westermanns am 15. Juni 1990 – noch am Tag der Rundfunkmeldung über die Einigung beider Regierungen zur Rückgabe seit 1949 enteigneten Eigentums.
Der Weg zur Rettung des Archivs (1992–2003)
Das rund 10 Jahre währende Engagement um die Bewahrung des Archivs wird im Film nur im Ergebnis sichtbar. Nicht gezeigt: Konzepte eines „Museums der Erde“ für Gotha; Mitwirkung von Dr. h.c. Michael Klett u.v.a. Persönlichkeiten (1994–2002); ein nationaler Architekturwettbewerb (Universitäten Aachen und Dresden, 1998); Prof. Dr. Paul Raabe und das Blaubuch der Bundesregierung „Kulturelle Leuchttürme der neuen Bundesländer“ (2001 ff.); Desinteresse und Blockaden der Stadt Gotha und des Freistaates Thüringen über viele Jahre; eine Teilauslagerung in die Schweiz; der „große Knall“ im März 2002; und schließlich die Einigung mit dem Freistaat Thüringen, Staatssekretär Dr. Jürgen Aretz, Ende 2002.
Der Weg zum Perthesforum Gotha (2003–2014)
Der langjährige Weg zum Perthesforum – rund 18 Mio. Euro Investition aus EU-, Bundes-, Landes- und Stadtmitteln, tiefgreifender Umbau, Sanierung und Erweiterung der historischen Verlagsgebäude, fertiggestellt 2014 – erscheint im Film nur als Schlussbild, ohne den langen politischen und planerischen Weg zeigen zu können.
Stasi, DDR-Aufarbeitung, Rolle der Stadt Gotha
Bisher drei sicher nachgewiesene Stasi-IM(S) im VEB Haack Gotha; wiederholt verweigerte Mitarbeit der Stadt Gotha bei der Aufarbeitung der Enteignungsgeschichte (auch nach 25 Jahren); die Frage um die DDR-Ehrungen Hermann Haacks und deren heutige Einordnung; der Verbleib von Archivalien, die 1945 von US-amerikanischer oder sowjetischer Seite entnommen wurden (Library of Congress, Moskau) – all das bleibt im Film noch unbehandelt.
Kartographisches Handwerk und Technikgeschichte
Die Entwicklung der Drucktechnik vom Kupferstich über Lithographie zum computergestützten Kartenmachen (CAC, Mac-basiert ab ca. 1993/94); die Geschichte der einzelnen Programmsegmente (Wandkarten, Schulatlanten, Petermanns Geographische Mitteilungen, Transparentfolien, u.v.a.); der Verlag im Nationalsozialismus (kriegswichtiger Betrieb, Fliegerkarten, Dr. Joachim Perthes im Dritten Reich) – diese Themen konnten bisher allenfalls gestreift werden.
Das Rohmaterial – über 40 Stunden
Das vollständige Rohmaterial aus 1990–1992 und 2014–2016 (nach Digitalisierung des analogen Materials) wird in der Sammlung Perthes der Forschungsbibliothek Gotha bewahrt und ist seit 2019 online verfügbar. Dort finden sich die vielen Zeitzeugeninterviews und Szenen, die im 77-Minuten-Film keinen Platz hatten – ein Fundus für die künftige Forschung.
Öffentliche Aufführungen
08.11.2016 – Nederlandse Filmacademie, Amsterdam (Vorpremiere)
19.03.2017 – Cineplex Gotha (offizielle Premiere)
21.03.2017 – Geographische Gesellschaft zu Leipzig, Grassi-Museum
27.09.2017 – Capitol-Kino Gotha (im Rahmen der Gothaer Kartenwochen)
Herbst 2017 – Universität Erfurt
06.11.2017 – Gießener Geographische Gesellschaft, Institut für Geographie der Universität Gießen
14.04.2018 – Pali-Kino, Darmstadt
06.06.2018 – Bundesamt für Kartographie und Geodäsie, Frankfurt am Main
12.10.2018 – Capitol-Kino Gotha
30.09.2019 – Spiegelsaal der Forschungsbibliothek Gotha (Schloss Friedenstein)
DVD – Nutzungshinweise
Der Dokumentarfilm „Die Kartenmacher aus Gotha“ ist urheberrechtlich geschützt und darf ausschließlich privat vorgeführt werden. Vervielfältigung, öffentliche Vorführung und gewerbliche Nutzung sind nicht gestattet.
Für öffentliche Vorführungen – in Schulen, Bibliotheken, Vereinen, wissenschaftlichen Einrichtungen – ist eine vorherige schriftliche Genehmigung durch die Filmemacher (Schuurman & Jäger) erforderlich.
Die DVD ist kostenlos erhältlich bei perthes.de
Weiteres Material und Informationen
Filmausschnitt „Die Kartenmacher aus Gotha“ (00:35, auf Vimeo)
Zum Hintergrund des Films – Blog der Forschungsbibliothek Gotha (Universität Erfurt):
blog-fbg.uni-erfurt.de/?s=Kartenmacher
Sammlung Perthes (Forschungsbibliothek Gotha):
uni-erfurt.de/forschungsbibliothek-gotha/sammlungen/sammlung-perthes
Sammlung Perthes Gotha (Wikipedia)
Geschichte des Verlages Justus Perthes / Perthesforum:
perthes.de
Joachim Jäger AV (Filmemacher, NL-Zoetermeer):
jjav.nl